Die Rekonstruktion

 

 

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Geschichtlicher Hintergrund

 
      Die frühe Schachfigur: Spielelement und Kunstobjekt  
 

 

 

 

 

 

 

Die Entwicklungsgeschichte der Schachfigur lässt sich bis in das 8. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen. Fast alle Figuren, die aus dieser Frühzeit des Schachs noch erhalten sind, besitzen eine aus heutiger Sicht rätselhafte, abstrakte Gestalt. Das charakteristische Erscheinungsbild dieser ungewöhnlichen Spielsteine entwickelt sich aus dem Zusammenwirken einfacher räumlicher Grundformen. Diese elementare Formensprache erinnert auf den ersten Blick an Beispiele zeitgenössischer Plastiken, doch sie findet sich schon in Kleinskulpturen aus den frühesten Anfängen menschlicher Kunst vor rund 30.000 Jahren.

Die modern anmutenden und dennoch ältesten, erhaltenen Schachfiguren haben ihren Ursprung im persisch-arabischen Kulturraum. Von dort ausgehend, sollten sie das Gesicht einer ganzen Schachepoche prägen. Das Wissen um die Bedeutung dieser geheimnisvoll gestalteten Spielsteine ist heute nur wenig verbreitet. Die frühen abstrakten Schachfiguren waren vor 1000 Jahren im größten Teil der damals bekannten Welt verbreitet. Aus Elfenbein oder Knochen geschnitzt, aus Ton geformt oder, wie eine schriftliche Quelle überliefert, aus dem Bergkristall Kaschmirs geschliffen, orientierte sich die Gestaltung dieser Schachfiguren doch immer an der abstrakten Grundform.

Im 10. Jahrhundert erreichte das Schachspiel mit den beschriebenen Figuren das Abendland. Mit ihnen wurde in Europa zum ersten Mal Schach gespielt, und ihre Formen, auf europäischem Boden nachgebildet, finden sich noch in Schachdarstellungen des hohen Mittelalters. Somit waren die abstrakten Spielsteine insgesamt 800 Jahre in Gebrauch. Diese Langlebigkeit wurde von keiner anderen Figurenform auch nur annähernd erreicht, und sie mag darauf hinweisen, wie sehr die Gestaltung der frühen Figurengeneration mit dem Spielsinn des Schachs harmoniert.

In ihrer einfachen, aber ausdrucksstarken Gestaltung erscheinen die abstrakten Schachfiguren als eine tiefe und ursprüngliche Verbindung von Schach und Form, als eine plastische Einheit von Spielelement und Kunstobjekt. Am Beispiel des rekonstruierten Figurensatzes tritt uns in beeindruckender Weise das Gewicht der alten Schachphilosophie in körperlich geballter Form entgegen. Hier erscheint die Seele des Spiels auf die Ebene plastischer Erfahrbarkeit transformiert.

Der geheimnisvoll-magische Zauber dieser Figuren wurde auch im europäischen Mittelalter empfunden. Dies erklärt die Fundumstände etlicher abstrakter Spielsteine, die zum Schutz von Gebäuden, in Grundsteinen eingemauert, entdeckt wurden.

 
     

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Home / Schachgeschichte / Kapitel 5

 
         
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