Tschaturanga, auf den Spuren eines magischen Spiels

 

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Ratingen 1994

 
 

Die Farbe der hellen Spielstein leitete ich von den ungefärbten Knochenfiguren aus Amritsar ab. Die zweite und dritte Figur von links bestehen aus Knochen. Die übrigen zählen zu meinen farblich abgestimmten Nachbildungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Farbton meiner dunkel gefärbten Schachfiguren orientiert sich an traditionell getönten Knochenschnitzereien aus Nordindien. Hier ein Fläschchen und das Segment einer Kette neben meinen Nachbildungen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Möglichkeit, mit modernen Farben den Knochen tiefschwarz einzufärben, ließ ich als Vorlage für meine Nachbildungen außer Betracht. Hier ein Teil der von mir bestellten Schachfiguren aus Amritsar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach meiner Rückkehr aus Nürnberg konnte ich mit Hilfe der im Museum modellierten Mutterfiguren meine endgültigen Spielsteine erstellen. Ein letztes Rätsel barg noch ihre farbliche Gestaltung, da die Originale für meine Nachbildungen ausgebleicht waren und somit als Farbvorlage ausschieden. In Amritsar hatte ich seinerzeit naturfarbene und nach traditionellen Methoden gefärbte Knochenschnitzereien erworben. Diese Kunstgegenstände dienten mir als Vorlage, als ich mit viel Fingerspitzengefühl die für den Knochen typische Farbstrukturen auf meine Spielsteine übertrug.

Jetzt konnten die endgültigen Spielsteine auf meine Spielfläche gestellt werden. Ich verpackte als Andenken meine alten Musterfiguren, die mich auf meinen Reisen begleitet hatten, und blickte hinüber zu dem vollendeten Schachspiel.

Und da erst bemerkte ich es, und es durchfuhr mich ein körperlich spürbares Gefühl größter Überraschung und Bestürzung zugleich. Das Gesicht des mir scheinbar so vertrauten Figurensatzes war ein anderes, ein mir bis dahin vollkommen Unbekanntes. Ungläubig schüttelte ich den Kopf und suchte irritiert auf dem Schachbrett nach der Ursache für meinen veränderten Eindruck. Meine alten Musterfiguren konnten sich doch nur durch Details von den neuen Spielsteinen unterscheiden, rätselte ich und untersuchte aus Augenhöhe die Abmessungen jeder einzelnen Figur. Schließlich trat ich unschlüssig einen Schritt zurück und nahm mir Zeit, das Schachspiel in seiner Gesamtheit zu betrachten.

Nun wurde mir bewusst, was ich da vor mir hatte. Seit Jahren war ich im Glauben gewesen, das rekonstruierte Schachspiel schon durch meine Musterfiguren zu kennen. Doch beim Anblick dieser Spielsteingruppe wirkte der vorherige Figurensatz wie ein nur skizzenhafter Entwurf. Überwältigt stand ich minutenlang regungslos. Es waren nicht alleine Gefühle des Triumphes und der Erleichterung, die mich bewegten, sondern auch eine tiefe Bewunderung der künstlerischen Leistung, die der Schöpfer dieser Figurenformen vor rund tausend Jahren vollbracht hatte. Ich erkannte jetzt erst recht die große gestalterische Bedeutung meiner Spielfläche für die Wirkung der Spielsteine. Wie noch nie zuvor empfand ich die Schachfiguren derart eindrucksvoll als plastische Einheit von Spielelement und Kunstobjekt, als die tiefe und ursprüngliche Verbindung von Schach und Form. Genussvoll überließ ich meine Augen für einige Zeit dem kraftvollen Wirkungsfeld der Figurenformen. Ihr tiefgründiges Wesen führte mich langsam in eine merkwürdig zeitlose Stimmungsebene. In diesem Gemütszustand sah ich anfangs noch eine Nachwirkung meines vorherigen Glücksgefühls. Doch auch nach Momenten der Ablenkung stellte sich bei der Betrachtung des Schachspiels allmählich eine Art seelischer Entrücktheit ein. Ich senkte verwundert den Blick und versuchte, mich zu konzentrieren. Eine Textstelle im Schachbuch der Kunsthistoriker H. und S. Wichmann fiel mir ein. Hier setzen die Autoren den Bedeutungsgehalt eben dieser Figurenformen, die ich in Nürnberg nachgebildet hatte, mit zahllosen Assoziationen aus der Menschheitsgeschichte in Verbindung. Auch eine meiner eigenen Textpassagen ging mir jetzt wieder durch den Kopf.

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"So zeitlos, ja modern diese Schachfiguren auch erscheinen," hatte ich notiert, "so offenbart sich doch in ihnen das Schachspiel in einer seiner ältesten bekannten Form. Das Prinzip seiner Figurengestaltung reicht aber noch weiter zurück, bis in vorgeschichtliche Zeiten zum Anbeginn der Menschwerdung. Die elementarsten sinnlichen Erfahrungen des frühen Menschen bargen der menschliche Körper, der des jagbaren Wildes und die Früchte der Natur. Schon in der Morgendämmerung der Kunst vor rund 30.000 Jahren begegnet uns diese Thematik in Gestalt abstrakter Plastiken. Ihre meist sanften, organisch wirkenden Rundungen erscheinen oft stark betont in den Statuetten, die bezeichnenderweise etwa die Größe dieser Schachfiguren aufweisen und deren Verwendung wahrscheinlich im Bereich magisch-ritueller Handlungen lag. Mit Ausnahme des Turms teilen die abstrakten Schachfiguren ihr Formenvokabular mit vielen dieser ältesten Skulpturen. So ist es möglicherweise eine uns allen eigene Ur-Erinnerung, die beim Betrachten der frühen abstrakten Schachfiguren mitschwingt und auf geheimnisvolle Weise tiefe Assoziationen zu wecken scheint."

Dem Inhalt meiner Ausführungen folgend griff ich nach einer Schachfigur und bewegte sie in den Händen. "Die urzeitliche abstrakte Plastik und diese frühen abstrakten Spielsteine fordern gleichermaßen auf zum Ertasten ihrer Oberfläche, zum Begreifen des Objektes in der ursprünglichsten Bedeutung des Wortes. Gerade als Spielsteine, die berührt und geführt werden, erschließen ihre Formen das Erlebnis des Tastsinns. Die Bedeutung einer solchen Erfahrung ist heute kaum gegenwärtig. Doch die Tiefe solcher Empfindungen belegen die in einigen Kulturen noch gebräuchlichen Handschmeichler. In der Hand bewegt vermitteln dort glatte Natursteine eine angenehme Stimulanz oder speziell geformte Kugeln Hilfestellungen bei Meditationsübungen." Es war schon seltsam, ich kannte mein Manuskript auswendig, doch sein eigentlicher Sinn wurde mir jetzt erst richtig bewusst.

Ich stellte die Figur zurück an ihren Platz, und unmerklich nahm mich das Spiel wieder auf eine unwiderstehliche Art gefangen. Die Gestalt dieser Skulpturengruppe ist mit einer medialen Kraft behaftet, schien es mir. Namenlose Ahnungen zogen an mir vorbei und verwandelten sich allmählich zu instinktiven Erinnerungen an endlos ferne Geisteswelten. Es war, als schwebte über dem Schweigen der Figurenlandschaft der machtvolle, aber unhörbare Ton aus der Tiefe eines magischen Kosmos.

Durch die Änderungen an den Figuren hatte der Gesamteindruck des Schachspiels eine unerwartete Steigerung erfahren und die Grenzen meiner Erwartung bei Weitem überschritten. Das Ergebnis meiner Reise in die Frühzeit des Schachspiels lag jetzt endgültig in körperlich greifbarer Form vor mir, und die Entstehung meiner Rekonstruktion hatte in diesem Augenblick die letzte Phase seiner Metamorphose abgeschlossen. Das Kind meiner Phantasie war gewachsen und schließlich so groß geworden, dass es die Hülle seines eigenen Traumbildes gesprengt hatte. Die Umrisse, die ich jahrelang als Ziel vor Augen hatte, erwiesen sich als eine Vision. Sie hatte mir lediglich den Weg gewiesen und löste sich jetzt wie ein Nebel auf, um den Blick freizugeben auf das eigentliche Ende meiner Arbeit.

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"Wieso Ende?" fragte mich Tzu Hsin, als ich ihm neulich von der Vollendung meines Projektes berichtete. Als Student des Goethe-Institutes hatte der junge Chinese aus Taiwan bei mir gewohnt und studiert inzwischen europäische Geschichte. "Das Ende ist doch gleichzeitig der Anfang." erklärte er mir und bemühte sich, seinen Standpunkt mit einem mir bekannten Beispiel zu verdeutlichen." Du hast das Schachspiel fertiggestellt, du hast die Geschichte seiner Entstehung und die Fachbroschüre geschrieben. Auch Kolumbus hat unendlich viel Mühe aufgebracht, um die drei Schiffe für seine Reise vorzubereiten. Das Ende dieser Anstrengungen war doch zugleich der Anfang."

Ich wusste, was er meinte. Es war nun die Zeit gekommen, dass das wiederentstandene Schachspiel den Hafen seiner Entstehung verlassen konnte.

Zuerst musste ich an den Kreis der Personen denken, deren Mitarbeit mir im In- und Ausland die Durchführung meiner Arbeit erleichtert hatte. Entlohnungen in Form von Geld hatten sie fast ausnahmslos abgelehnt und stattdessen darauf bestanden, ein Exemplar des rekonstruierten Schachspiels zu erhalten. Auch um die Niederschrift meiner Schach-Odyssee hatten sie gebeten und damit den entscheidenden Anstoß für die Entstehung dieser Seiten gegeben.

Ich erklärte Tzu Hsin: "Auf eine merkwürdige Art scheinen das Spiel und die Geschichte seiner Wiedergeburt viele Menschen in ihren Bann zu ziehen und eine tiefe Anteilnahme auslösen zu können." Er antwortete wohl mit einem Bild seines Kulturkreises: "Der Drache hat lange geschlafen. Jetzt ist er erwacht. Manche Menschen erspüren seine Kraft, und der Hauch seines Atems wird in ihnen die Glut verborgenen Wissens zum Lodern bringen.

Die Geschichte deines ungewöhnlichen Schachspiels hat vor einer endlos langen Zeit begonnen und ist noch lange nicht zu Ende. Jeder, den heute der Zauber dieser Figuren berührt, wird zu einem Teil ihrer Geschichte."

Mir wurde klar, dass jetzt auch diejenigen den Lebenslauf der geheimnisvollen Figuren mitschreiben werden, zu denen das Schachspiel seinen Weg finden wird. Vielleicht wird es auch bei ihnen Spuren hinterlassen durch das unauslotbare Rätsel seiner verzaubernden Kraft, die mir genauso rätselhaft erscheint, wie das Geheimnis des Spiels selbst. Ist es nicht ein indisches Sprichwort, das besagt: Das Schachspiel ist wie ein See, in dem eine Mücke baden und ein Elefant ertrinken kann.

 
 
 
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