Tschaturanga, auf den Spuren eines magischen Spiels

 

  Seite 9   Die entscheidende Begegnung  
 

 

 

Nürnberg 1993

 
 

Der Eingangsbereich des Germanischen Nationalmuseums

 

 

 

nach der Neueröffnung.

 

 

 

  Als einer der ersten wurde ich beim morgendlichen Öffnen der Museumstüren inmitten eines Schwarms von Schulklassen durch den neuen Haupteingang in das von Licht durchflutete Foyer geschoben. Das Germanische Nationalmuseum war seit meinem letzten Besuch zu einer der weltweit größten Einrichtungen seiner Art ausgebaut worden, und ich musste mich bei der Suche nach der Abteilung für Schachspiele neu orientieren. Schließlich schritt ich an den Vitrinen vorbei, aus denen mir in bunter Vielfalt Schachfiguren durch die Art ihrer Gestaltung Kunde aus vergangenen Zeiten gaben. Die von mir gesuchten Spielsteine hingegen hatte ich nicht entdeckt. Es musste mir ein Flüchtigkeitsfehler unterlaufen sein. Ich wiederholte meinen Rundgang und durchmaß schließlich im Eilschritt die Ausstellungsräume, jedoch ohne Erfolg. Ich suchte verzweifelt nach Erklärungen für das Verschwinden ausgerechnet der Schachfiguren, die von mir so dringend benötigt wurden. Im Rahmen einer Sonderausstellung könnten die Spielsteine als Leihgabe in alle möglichen Erdteile verschickt worden sein oder, wie ein Museumsangestellter spekulierte, als Folge der Umbauarbeiten, für den Augenblick unauffindbar, in einem Winkel des unermesslich weitläufigen Kellerarchives des Museums ruhen. Allmählich beschlich mich das unheimliche Gefühl, dass mir wieder einmal das Schicksal, mit inzwischen reichlich routinierter Hand einen neuen Streich gespielt hatte. Doch so leicht wollte ich nicht aufgeben. Wenn nötig musste ich versuchen, in einem Gespräch mit der Museumsleitung die gesuchten Schachfiguren ausfindig zu machen. Zu diesem Zweck hätte der Katalog einer Schachausstellung von 1988 hilfreich sein können. Diesen wollte ich in der Museumsbuchhandlung erwerben.  
 

Das Bistro des Germanischen Nationalmuseums wurde zu meiner Modellierstube.

 

 

 

 

Das Besteck auf meinem Tisch unterschied sich von dem anderer Gäste. Zahnarztassesoirs, Skalpell, Pinsel zum auftagen mit Wasser anzurührender Spachtelmasse und Bleistifte.

 

Eine junge Verkäuferin sortierte in einem Regal, als ich sie ansprach und um Information bat. Sie wandte sich mir zu, trat aber unvermittelt einen Schritt zurück und reagierte nur mit einem Blick ungläubigen Staunens. Doch anstatt ihr Verhalten zu erklären, stellte sie nach einem Augenblick innerer Sammlung selbst eine Reihe von Fragen. Wie weit mein Schachprojekt gediehen sei, wollte sie wissen, und auch nach den Fortschritten bei meinen Arbeiten an einem Buch über Schachgeschichte erkundigte sie sich. Die Kenntnisse der mir unbekannten Person über meine Tätigkeiten überraschten mich vollständig, und ich hatte jetzt wahrscheinlich ihren anfänglichen Gesichtsausdruck übernommen. Schließlich gab sich meine Gesprächspartnerin aber als Mitreisende während meines Fluges von Asien nach Deutschland zu erkennen. Sie erklärte, bei dieser Gelegenheit von meinen Plänen gehört zu haben. Ich versuchte erfolglos, sie im Kreis meiner damaligen Sitznachbarn wiederzuerkennen, und wollte auch an die Möglichkeit eines so großen Zufalls nicht recht glauben, doch alle ihre Angaben über den Flug sowie dessen Datum und weitere Einzelheiten entsprachen sämtlich den Tatsachen.

Im weiteren Gespräch schilderte ich, dass der Abschluss meiner Arbeiten nur noch von der Aufgabe abhängig sei, die ich hier im Museum zu erledigen hätte. Sie war mit den Örtlichkeiten vertraut und verwies mich an einen Angestellten des Hauses, der einen Teil der Ausstellungsräume im Erdgeschoss betreute. Und wirklich, dort unter den Exponaten zum Themenkreis "Gerätekunst des 12. Jahrhunderts" fand ich meine ersehnten Schachfiguren.

 
 

Nach einigen Tagen hatte ich die von mir so bewunderten Figuren kopiert.
Im Original sind dreizehn Schachfiguren erhalten. Somit umfassten meine Nachbildungen zwei Könige,

 

 

 

 

 

 

 

einen Berater (spätere Dame),

 

 

 

zwei Elefanten (spätere Läufer),

 

 

 

 

 

 

 

vier Pferde (Springer),

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

und vier Streitwagen (spätere Türme).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Bauer ist nicht überliefert. Seine Gestaltung leitete ich von der entsprechenden Figur eines Fundes mit gleichfalls abstrakter Form aus Zell am Ebersberg ab

 

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Figurenfund aus Unterfranken

 

 

 

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Mit dem Skizzenblock in der Hand erfasste ich jede einzelne Schachfigur aus allen möglichen Perspektiven. Die Figuren waren, wie es hieß, Ende des vorigen Jahrhunderts ausgegraben worden. Demnach mussten sie vor ihrer Entdeckung längere Zeit dem oftmals zersetzenden Einfluss der Erdfeuchtigkeit ausgesetzt gewesen sein. Tatsächlich war, wie ich schon wusste, die farbliche Unterscheidung zwischen hellen und dunklen Spielsteinen verlorengegangen. Auch entdeckte ich jetzt bei einigen Figuren durch die Bodenlagerung entstandene Verwitterungsschäden. Diese wol1te ich jedoch nicht auf meine Nachbildungen übertragen. Mein Ziel war, die ausgestellten Figuren nicht einfach zu kopieren, sondern, wenn nötig, auch zu rekonstruieren. In meinen Spielsteinen sollte die ursprüngliche Gestaltung des Figurensatzes wiederentstehen, also das Aussehen des Originals zur Zeit seines Gebrauchs. Während ich die Modellierung meiner Nachbildungen an Hand der Zeichnungen im Hotelzimmer durchführte, verlegte ich das Anzeichnen der Details in die Cafeteria des Museums. Ich markierte auf meinen Spielsteinen mit einem Stift die feinen Muster der Knochenstruktur und brauchte zur Kontrolle nur die kurze Strecke bis zum Schaukasten zurückzulegen. Nach einigen Tagen hatte ich die Konturen sämtlicher Figuren nachgearbeitet und darüber hinaus die im Original fehlenden Spielsteine entworfen.

Während meines häufigen Aufenthaltes in der Museumscafeteria fiel mir eine Frau von vielleicht sechzig Jahren auf. Sie verbrachte täglich in den Nachmittagsstunden, immer an demselben Tisch, längere Zeit bei einer Tasse Kaffee. Umgekehrt war auch ihr die Regelmäßigkeit meines Erscheinens nicht entgangen. Vor allem weckte wohl meine wunderliche Tätigkeit ihr Interesse, obwohl sie dieses respektvoll zu verbergen suchte und ihre aufmerksamen Beobachtungen auf kurze, zufällig erscheinende, streifende Blicke beschränkte. Am vorletzten Tag meines Aufenthaltes im Museum brauchte ich meinen Platz im Cafe nicht mehr vorrangig nach den Gesichtspunkten der besten Arbeitsbeleuchtung zu wählen. Ich fand den einzigen freien Tisch in der Nähe der wie gewohnt anwesenden Besucherin. Da uns unser Blickkontakt der vorausgegangenen Tage schon bekannt gemacht hatte, grüßte ich durch leichtes Kopfnicken und setzte mich. Ich hatte eine Schachtel mit dem kompletten Figurensatz auf den Tisch gestellt und entnahm ihr eine Figur. An Hand der sich ständig verfeinernden Skizze begann ich, auf dem Spielstein die letzten vorzunehmenden Gravuren anzuzeichnen. Es waren nur noch die Spuren der Abnutzung und die leichten Beschädigungen vom Original auf meine Nachbildungen zu übertragen.

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In diesem Augenblick erhob sich meine Tischnachbarin und trat auf mich zu. Sie entschuldigte sich für ihre Störung und bat mich, in aller Kürze meine Tätigkeit zu erklären, die sie, wie ich wohl wusste, seit Tagen beobachten konnte. Ich bot ihr an, an meinem Tisch Platz zu nehmen. Wahrheitsgemäß versicherte ich, dass im Moment ein Gespräch für mich eine willkommene Abwechslung darstelle und somit meiner Aufgabe nur dienlich sei. Ich stellte ihr meine Figuren als Arbeit an dem vollständigen Figurensatz eines Schachspiels vor, dessen Vorlage leider nur als Fragment erhalten und hier im Museum ausgestellt sei. Damit glaubte ich ihre Frage erschöpfend beantwortet zu haben. Nun hätte ich gerne den Zufall ein beliebiges Thema zum Gegenstand unserer weiteren Unterhaltung wählen lassen. Doch als ich ihren liebevollen Blick bemerkte, mit dem sie die Spielsteine in der Schachtel bedachte, legte ich den Deckel beiseite, mit dem ich noch soeben das Behältnis verschließen wollte. Sie bat mich, die Figuren in die Hand nehmen zu dürfen, und ich schob ihr den Karton zu mit der Aufforderung, nach Belieben zu wählen. Sie entnahm verschiedene Figuren und bewegte sie nacheinander, mit leicht geneigtem Kopf, stumm in den Händen.

Die Intensität ihrer Betrachtung erinnerte mich an die des Kunsthandwerkers in Amritsar, der damals mit dem geschärften Auge eines Fachmanns meine Figuren analysiert hatte. In dieser Situation aber verrieten die halb geschlossenen Lider einen nach innen gerichteten Blick, mit dem die Betrachterin das gesamte Wesen der Figur gleichsam in sich aufzusaugen suchte. Ich war gerührt von so viel Anteilnahme und beglückt, jemanden vor mir zu sehen, der offensichtlich meine tiefen Empfindungen zu den Spielsteinen zu teilen in der Lage war.

Die sich ausdehnende Pause des Schweigens verunsicherte mich jedoch zunehmend. Aus einem Gefühl der Verlegenheit begann ich schließlich, die Bedeutung und Geschichte der Figuren zu kommentieren. "in dieser Gestaltung erscheint das Schachspiel in einer seiner ältesten bekannten Formen", begann ich etwas hölzern und wartete auf eine Reaktion. Endlich, nach einer weiteren Weile innerer Konzentration, formulierte sie ein Ergebnis ihrer Betrachtung. "Diese Figuren besitzen eine starke Kraft." Sie schaute jedoch nicht auf, sondern schien wieder in sich zu versinken. "Das ist gut möglich," beeilte ich mich deshalb zu antworten, um an ihre Worte anzuknüpfen und nicht die Chance zu einem Dialog zu verpassen. Ich erklärte: "Auch im Mittelalter haben wohl viele Menschen in Europa ihre Meinung geteilt. Deshalb wurden Schachfiguren mit dieser Form auch oft bei Grundsteinlegungen zum Schutz der Gebäude gegen böse Einflüsse eingemauert. Dieser Tatsache ist übrigens auch so mancher Fund bei Umbauarbeiten zu verdanken." Jede Figur," fuhr sie fort, "steht für ein Wort. Alle zusammengenommen ergeben einen Satz. Aus der Figurenreihe erklingt eine Stimme, es ist die Sprache eines Zaubers." Bei den letzten Worten hatte sie ihren Kopf gehoben und mich angeschaut. Ihr Blick war vollkommen klar, und in ihrer Miene fand ich den Ausdruck einer selbstsicheren Gelassenheit, als hätte sie mir gerade etwas so Normales wie die Uhrzeit mitgeteilt. Ich wollte das Gespräch nicht in mystische Bahnen abgleiten lassen und wieder rationales Denken zur Basis unseres Gespräches machen. Um ihr nicht direkt zu widersprechen oder sie gar zu verletzen, wollte ich ihr mit einer behutsamen Erklärung entgegentreten.

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"Der Ursprung des Schachspiels liegt in Indien," begann ich. "Einiges deutet in der Tat darauf hin, dass bei der Entstehung des Spiels kultische Elemente der indischen Sinnbilderwelt beteiligt waren, und möglicherweise berühren die Wurzeln des Schachs auch den Boden des Urgesteins altindischer Philosophie. Auch ein bedeutender Schachforscher sieht die Seele des Schachs von Anbeginn an in ein mystisches Gewand von Symbolen, Figuren und Zahlen gekleidet."

Bei meiner Ausführung brauchte ich bloß auf den Inhalt meiner Broschüre zurückzugreifen, die ich eigens als Hintergrundinformation zu meiner Rekonstruktion erstellt hatte. "Als das Schachspiel die Grenze zur arabischen Welt überschritt," fuhr ich fort, " konnten die beeindruckenden Darstellungen von Menschen und Tieren der indischen Ur-Schachfiguren nicht übernommen werden. Aus religiösen Gründen sind in der islamischen Hemisphäre keine gegenständlichen Abbildungen erlaubt. Die Figurenformen, die sie im Moment betrachten, sind das Ergebnis der arabischen Abstraktion, in ihnen wurde der Zauber der verschollenen indischen Schachfiguren eingefangen und in eine zeitlose, universelle Formensprache übersetzt."

Meine Zuhörerin hatte mich während meines kurzen Vortrages in einer merkwürdig aufmerksamen Weise betrachtet. Trotzdem war ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt meinen Worten richtig gefolgt war. Es schien, als wolle sie, wie vorher bei den Figuren, hinter der Oberfläche sinnlicher Wahrnehmung den eigentlichen Wesenskern zu erfassen suchen. So hegte ich den Verdacht, dass sie sich mehr für die Art, wie ich meine Erzählung vortrug, interessierte, als für deren Inhalt.

Sie betrachtete mich noch einen Augenblick, war aber nicht, da war ich mir sicher, mit der Thematik meiner Ausführung beschäftigt. Vielmehr schien es, wie ich an ihrem Blick zu erkennen glaubte, als wolle sie sich ein abschließendes Urteil über meine Person bilden.

Mit einem Mal lehnte sie sich zurück, und ihre angespannt konzentrierten Gesichtszüge wichen einem entspannten, fast heiteren Mienenspiel. "ich glaube, Sie wissen nicht, auf was Sie sich eingelassen haben. Was bis jetzt unleserlich im Museum geruht hat, ergänzen Sie zu einer vollständig lesbaren magischen Formel. Sie werden sich darüber noch wundern, was alles mit ihrer Aufgabe verbunden sein wird." Der Ton, in dem sie jetzt sprach, war von freundschaftlicher, herzlicher Wärme getragen. Offensichtlich war sie im Glauben, mein Vorhaben hätte gerade erst begonnen, während es tatsächlich kurz vor der Vollendung stand. Diese Vorstellung amüsierte mich, und ich wollte zum Spaß ihren Einlassungen folgen.

"Es wird Ihnen viel abverlangt, aber Sie dürfen nicht aufgeben. Lassen Sie sich nicht durch ungewöhnliche Ereignisse und merkwürdige Zufälle irritieren."

Form und Inhalt ihrer Aussagen waren geeignet, in mir das klischeehafte Bild einer Kartenlegerin wachzurufen. Trotz meiner Vorbehalte musste ich bei ihren ersten Worten unwillkürlich mit dem Kopf nicken. Auch ihre letzte Aussage ließ mich nicht unberührt.

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Ich konnte von meinem Platz aus direkt in die Museumsbuchhandlung schauen und musste mich räuspern, weil ich an das Treffen mit meiner Flugbegleiterin dachte. Wenn ich das Spiel des Ahnungslosen aufrechterhalten wollte, durfte ich mich nicht durch instinktive Reaktionen verraten. Ich war gerne bereit, die Existenz der von ihr erwähnten Zufälle einzuräumen, zu denen sich in diesem Moment ein weiterer zu gesellen schien, nämlich die Genauigkeit ihrer Prognosen, wenn auch mit entgegengesetzten zeitlichen Vorzeichen.

Mit gespielter Gelassenheit beugte ich mich vor und nahm einen Schluck von meinem mittlerweile erkalteten Kaffee. Auch mein Gegenüber richtete sich auf und sagte mit gleichbleibender, ruhiger Stimme: "Die Kraft des Spiels wird ein eigenständiges Leben entwickeln und die Führung bei Ihrer Aufgabe übernehmen. Im Tal des Augenblicks werden Sie es nicht verstehen. Aber vom Gipfel der Rückschau werden Sie die Irrwege als den kürzesten Weg durch das Labyrinth erkennen. Das Sinnvolle wird den Sinn verlieren, und das Sinnlose wird Bedeutung erlangen. Vergangenheit und Zukunft werden vertauscht."

Hatte sie mich nicht gerade durchschauend angelächelt bei dem, was sie zuletzt gesagt hatte? Es konnte auch Einbildung gewesen sein. Ihre allgemein gehaltenen Aussagen würden sowieso auf alle möglichen Situationen zutreffen. Trotzdem fühlte ich mich langsam unbehaglich.

"Ich erzähle Ihnen das alles nicht, um sie zu irritieren, sondern nur, um Ihnen Mut zu machen!" sagte sie, als hätte sie meine Gedanken erraten. "Sie sollen einfach vertrauen! Die Magie des Spiels wird auf alle Fälle Wege finden, Sie zu den Orten seiner Entstehung zu führen."

Wusste sie eigentlich, was sie da sagte? Sprach sie etwa von meinen Reisen? Wer spielte jetzt eigentlich mit wem? Obwohl sie vorgab, mich nicht verwirren zu wollen, war ihr dies jedoch zu einem nicht geringen Grad gelungen. Ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, und hatte gar nicht bemerkt, dass sie sich anschickte aufzustehen.

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"Sie können nicht wissen, was für eine große Bedeutung die Begegnung mit Ihren Schachfiguren für mich hat." leitete sie ihren plötzlichen Abschied ein. "Ich möchte Ihnen hierfür ganz herzlich danken." Nachdem auch ich mich erhoben hatte, ergriff sie meine Hand und schüttelte sie mit einer aufrichtigen Herzlichkeit, die durch ihren glücklichen Gesichtsausdruck noch unterstrichen wurde.

Ich hatte schon wieder Platz genommen, da drehte sie sich noch einmal um. "Es hat gute Gründe, dass Sie es sind, der die Aufgabe durchzuführen hat." rief sie mir noch zu, so dass es auch andere Besucher hören konnten, natürlich ohne zu verstehen, was gemeint war. Doch in diesem Punkt war ich den Personen an den Nachbartischen um nichts voraus.

Ich nahm den Deckel und schloss die Schachtel. An Arbeit konnte ich jetzt nicht mehr denken. Als ich den Stift wegstecken wollte, zögerte ich. Ich wendete ein Skizzenblatt und notierte auf seiner Rückseite Passagen des Gespräches.

Diese Frau musste über ein außerordentliches Maß an Sensibilität verfügen, um das Umfeld meines Projektes zu erspüren, wurde mir beim Schreiben klar. Als ich die Stelle des Gespräches erreicht hatte, an der die Rede von den Ursprungsorten der Magie war, hielt ich inne.

Mir erschien auf einmal der Moment in der Kunstakademie von Istanbul mit plastischer Deutlichkeit vor Augen. In jenem Moment, in dem mich ein Konzentrat früharabischer Kunst umgab, empfand ich die geistige Kraft, die vor tausend Jahren in den abstrakten Schachfiguren Gestalt angenommen hatte. War mein Verständnis dieser Spielsteine vorher von ahnungsvoller Natur, so erlangte ich in diesem Moment eine gänzlich neue Qualität des Schauens. Ich hatte das überwältigende Gefühl, den eigentlichen Charakter der arabischen Figuren erstmalig wirklich zu erkennen.

Und was war mit Thailand, hatte ich nicht selbst in meinem Manuskript zu einem Buch über die Schachgeschichte auf eine Verbindung von Schach und Buddhismus hingewiesen? Der Buddhismus wurde im 10. Jahrhundert aus seinem Ursprungsland Indien vertrieben und erreichte auch Thailand. Dieses Königreich gilt in meinen Augen als der Vatikan der Theravada-Glaubensrichtung, einer ursprünglichen Form des Buddhismus, und bezeichnenderweise ist auch heute noch in Thailand eine alt-indische Form des Schachspiels allgegenwärtig.

Meinen Aufenthalt in Nordindien, dem Geburtsland des Schachs, hatte ich schon während des Gespräches mit dem Ursprungsort der erwähnten Magie in Verbindung gebracht. Doch die Sprecherin hatte von Orten gesprochen. War es Zufall, dass alle meine Reisen zu den geistigen Wurzeln oder dem regionalen Geburtsort meiner Schachfiguren führten? Was ist das für ein Deutungsmodell, das es mir möglich macht, vom Gipfel der Rückschau die Gradlinigkeit meiner scheinbaren Irrwege zu erkennen? Was erscheint unglaublicher, meine Erlebnisse mit meiner Schachvision oder deren Erklärung durch meine Gesprächspartnerin?

Ich räumte den Karton und meine Unterlagen in eine Tasche und verließ in Gedanken versunken das Museum.

Am nächsten Tag führte ich die abschließenden Arbeiten an meinen Modellfiguren durch. Ich erwartete, meine geheimnisvolle Gesprächspartnerin vom Vortag wiederzusehen, doch ihr Tisch war während der gesamten Öffnungszeit des Museums entweder von mir unbekannten Personen besetzt oder vollkommen verwaist.

 

 

 
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