Tschaturanga, auf den Spuren eines magischen Spiels

 

  Seite 7   Die unglaubliche Offenbarung  
 

 

 

Amritsar 1991

 
 

Bei meiner Suche nach Knochenschnitzern kam ich auch mit dem Dentisten und Optiker ins Gespräch. Doch weder er noch seine beiden Patienten hatten jemals etwas von solchen Handwerkern gehört.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Meine Suche führte mich auch in entlegene Stadtbezirke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der heilige Bezirk Amritsars. Direkt neben dem Eingang zum Tempelareal fand ich einen Laden, in dem aus Knochen geschnitzte Schachfiguren zum Verkauf angeboten wurden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf dem Dach eines Wohnhauses. Hier steht der Knochenschnitzer, mit seinem Neffen auf dem Arm, neben seinem Bruder und dessen Gattin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn schon keine echte Wekstatt zu sehen war, so konnte ich doch die Maße der verwendeten Knochen in Erfahrung bringen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier fand ich Figurentypen aus Knochen, wie ich sie auch auf der Frankfurter Messe gesehen hatte.

 

 

 

 

 

 

 

Meine bestellten Schachfiguren enttäuschten mich. Sie waren nicht aus einem Stück gearbeitet, sondern aus Segmenten zusammengefügt.

 

Im Nachtzug von Old-Delhi nach Amritsar erfuhr ich, dass die Reisebeschränkung in das von Unruhen erschütterte Gebiet erst vor kurzem aufgehoben worden war, so dass ich die Stadt von Touristen fast gänzlich entvölkert vorfand. Nur ein kleiner Kreis unerschrockener Extremreisender versuchte hartnäckig, sich in der angespannten Lage zurechtzufinden, doch ein Gefühl allgemeiner Irritation dominierte über den Genuss der vielen Sehenswürdigkeiten. Das plötzliche Auftauchen scheinbar endloser Protestzüge, die sich aus Seitenstraßen in das pittoreske Gewimmel der ohnehin überfüllten Hauptverkehrsadern der Stadt ergossen, und die Allgegenwart der indischen Sicherheitskräfte addierten sich als verwirrende Eindrücke zu dem atmosphärisch dichten Szenario Amritsars, als ich mit meinen Nachforschungen begann.

Ich erwartete, im Zentrum des knochenverarbeitenden Gewerbes ähnliches vorzufinden wie in den für Qualitätsweine berühmten Gegenden Frankreichs, wo man fast überall die Einladung der Winzer erfährt, ihr Produkt am Ort seiner Entstehung kennenzulernen. Ganz anders hingegen verfahren die Knochenschnitzer Amritsars mit den Zeugnissen ihres handwerklichen Geschicks. Nach einigen Tagen der Suche gewann ich den Eindruck, dass das Gewerbe der Knochenverarbeitung, wenn überhaupt, nur unter größter Geheimhaltung ausgeübt wird. Viele Bewohner versicherten, obwohl schon zeitlebens in Amritsar ansässig, nie etwas von Knochenschnitzern gehört, geschweige denn gesehen zu haben.

Solchermaßen auf jeden Strohhalm der Hoffnung angewiesen, schenkte ich, mit viel lautmalerischer Phantasie, einem alten Inder Gehör, der zu mir in einer chiffrierten Form der englischen Sprache zu reden schien. Der aufrichtig um mich besorgte Mann bestand darauf, mich nicht ohne seine anrührende Hilfe ziehen zu lassen. Er informierte auch gleich den Fahrer einer durch technischen Erfindergeist konservierten Motorradrikscha und verhandelte um ein für mich günstiges Beförderungsentgelt. Die offensichtlich in liebevollem Eigenbau am Fahrzeug vorgenommenen Reparaturen aus Blech und Draht erschienen mir aus der Nähe betrachtet als aus Wunderglauben erwachsene symbolisch-beschwörende Maßnahmen, denen der Chauffeur zu meiner Bestürzung sein uneingeschränktes Vertrauen schenkte, ein Gefühl, um das ich ihn während der stürmischen Fahrt grenzenlos beneidete. Obwohl ich, von Abgasen in der Fahrgastzelle gepeinigt, tränenden Auges oftmals die Sicht verlor, zwang ich mich, nicht am Gestänge der Überdachung instinktiv den einzig erkennbaren Halt zu suchen, da die im Fahrtwind zeitweise aufkreischende Konstruktion schon allein um die eigene Stabilität zu kämpfen schien. Die Dauer der Reise orientierte sich nicht an ihren niedrigen Kosten. Ich fürchtete schon, mich der nicht immer ruhigen Grenze Pakistans zu nähern. Aber auch das endlich erreichte Fahrziel, eine Spezialklinik für Knochenfrakturen, ermutigte mich nicht zu weiterem Nachfragen.

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Etliche erfolglose Recherchen unter vergleichbaren Umständen sollten noch folgen, und mir schwand die Zuversicht in dem Maße, wie sich meine Zweifel verstärkten, jemals ans Ziel zu gelangen.
Doch dann endlich fand ich die gesuchten Schachspiele aus Knochen in einem kleinen Laden direkt neben dem größten Heiligtum der Sikhs. Im Zentrum dieser Tempelanlage befindet sich ein vergoldeter Kuppelbau inmitten eines geweihten Sees. Eine Brücke führt zum Allerheiligsten, in dem bei Tag und Nacht aus einem Buch sakrale Texte rezitiert und durch Lautsprecher in die Stadt übertragen werden. Im Bewusstsein, mich im Geburtsland des Schachspiels zu befinden, und begleitet vom Klang andächtiger Gebete, spürte ich wieder den Puls meiner Schachidee, und ich näherte mich ehrfurchtsvoll, vor einer märchenhaften Kulisse, den aus Knochen geschnitzten Schachfiguren.
Im Gegensatz zu der vom Geist religiöser Frömmigkeit durchdrungenen Umgebung des Verkaufsraums stand das Geschäftsgebaren seines Besitzers. Ich bat ihn, meine Musterfiguren aus massivem Knochen nachformen zu lassen und um die Möglichkeit, ihre Herstellung fotografisch dokumentieren zu können. Mein Gegenüber stimmte nach einigem Zögern zu. Doch er fürchtete wohl insgeheim um das Monopol seiner Marktposition, sollte ich die Handwerker je zu Gesicht bekommen. Meinen Wunsch nach einer Produktionsbesichtigung wollte er für alle Zeit mit der Erinnerung an ein unvergessliches Erlebnis verbinden. Dieser Aufgabe widmete er sich voller Hingabe, nachdem ich tags darauf den Soziussitz seines Motorrollers bestiegen hatte. Zunächst glaubte ich noch an einen Bedienungsfehler, als das Gefährt wie ein sich bäumendes Pferd durch Torbögen und Vorhöfe schoss. Die aus der Altstadt flach abfallenden Treppen fuhren wir nicht, wir galoppierten sie rauf und runter, und in einigen schmalen Gassen verlor das ansonsten friedlich scharrende Geflügel Teile seines Gefieders. Auf den breiteren Straßen mit hoher Verkehrsdichte versuchte mein Fahrer, sehr zum Missfallen der Hirten, das Zweirad mit wechselndem Geschick, aber hoher Geschwindigkeit durch so viele Viehherden wie anwesend zu steuern, und ich erlebte im direkten Kontakt die Vielfalt nordindischer Nutztierhaltung. Auch von angerempelten Passanten und abgedrängten Fahrzeuglenkern erhielt die Weise unserer Fortbewegung schlechte Kritiken. Diese wurden durch Rufe, eindeutige Handzeichen und Würfe von Materialien geeigneter Art übermittelt und schienen uns beiden gleichermaßen zu gelten. Doch anstatt mich vom Verhalten meines Vordermannes demonstrativ distanzieren zu können, musste ich diesen, entgegen allen Gefühlen, während der ganzen Fahrt innig umarmt halten, um nicht mein Gleichgewicht zu verlieren. Die Stacheldrahtabgrenzungen der indischen Armee, die weite Teile des Stadtbildes prägten und die wir im Vorbeihuschen beinahe berührten, bildeten den Abschluss unseres Auftrittes.

Auch mit der Führung durch einen Betrieb verband mein Begleiter seine ganz persönlichen Vorstellungen. Die Arbeitsräume, die ich zu sehen bekam, waren lieblos dekorierte Potemkinsche Dörfer, ganz offensichtlich Kulissen, ausgestattet mit Werkzeugen, mit denen man zwar vieles, aber nicht die mir bekannten Schnitzereien herstellen konnte. So hantierte auch der mir vorgestellte Handwerker, unter der Bürde der Peinlichkeit des ihm erteilten Auftrages hilflos lächelnd, mit einem spitzen Gegenstand etwas ratlos in einem Röhrenknochen herum, eine Technik, die bestenfalls geeignet erschien, das Mark für die Verwendung in der Küche zu separieren. Als ich meine Auftragsarbeit entgegennahm, stellte ich schweigend fest, dass alle Schachfiguren, mit Ausnahme der Bauern, aus mehreren Knochensegmenten zusammengeklebt waren. Den Rest meiner Sympathie verspielte der Verkäufer durch den letzten Satz, den ich von ihm hörte: "Can I keep your figures? Some people like funny chess sets" (Kann ich Ihre Figuren behalten? Einige Leute mögen lustige Schachspiele).

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Die folgenden Tage verbrachte ich auf der Hauptpost von Amritsar, die als Zentrale der Nachrichtenverbindungen von starkem Militäraufgebot gesichert wurde. Unablässig versuchte ich, telefonisch mit dem Messeteilnehmer von Frankfurt Kontakt aufzunehmen. Als ich ihn tatsächlich an einem Sonntag nach seinem Kirchgang erreichte, begann ich ihm meine Situation zu schildern. Doch ich brauchte nicht auszureden. Mein Gesprächspartner war mit den Örtlichkeiten Amritsars vertraut und erahnte wahrscheinlich umgehend das Ausmaß meiner Misere. In aller Eile, die Technik unterlegte unseren teilweise durch Rufe geführten Dialog mit einem Teppich grollenden Donners, gab er mir die Adresse seines Kontaktmannes vor Ort. Er bat mich inständig, diese Information nicht missbräuchlich zu benutzen oder gar weiterzugeben, und verwies auf die Mühsal, eine Geschäftsverbindung aufzubauen. Auch ich wusste, wovon er sprach, und schrie ihm mein Ehrenwort ins Telefon.

Bei einem Glas Tee saß ich diesmal einem Mann gegenüber, der im Gespräch mit mir ruhig und bedächtig, offensichtlich frei von Hintergedanken kaufmännischen Ehrgeizes, seine Worte wählte und langsam mein Vertrauen gewann. Dieser gebildete und künstlerisch interessierte Inder entwarf selber Schachspiele, die er wahlweise aus Knochen oder Holz in seinem Betrieb herstellen ließ. Er zeigte mir auch fotokopierte Seiten der Schachliteratur, die für seine Arbeit hilfreich waren, und zu meiner Verwunderung fand ich zwischen den Unterlagen auch Texte und Bilder des Schachbuches, bei dessen Lektüre meine Schachidee ihren Anfang genommen hatte. Auf die Frage nach der Durchführbarkeit meines Vorhabens erklärte er mir, dass Kamelknochen tatsächlich, wenn auch nur in seltenen Fällen, die von den Figuren geforderte Stärke aufwiesen. Aber auch diese Knochen bewegten sich an der Grenze der Möglichkeiten des Knochenschnitzers. Dieser müsste der individuellen Gestalt des Materials folgen, und das Ergebnis wäre nicht mit meinen Vorlagen identisch. Es läge an mir, mich bei einer Nachbildung aus Knochen mit größeren Abweichungen abzufinden und dabei möglicherweise die plastische Aussage des Originals zu verfehlen. Er demonstrierte am Beispiel meiner Spielsteine, dass der Künstler vor rund einem Jahrtausend eine sichtende Auswahl der Knochen vorgenommen hatte, deren Wesen den Schnitzereien ihr individuelles Gesicht verleiht.

Während er meine Figuren von allen Seiten betrachtete und diese mit den Fotos der Originale verglich, bewunderte er die Eigenschaft des von mir verwendeten Materials, wie es den Charakter der Knochenstruktur und somit den individuellen Fingerabdruck jedes Spielsteins perfekt wiederzugeben in der Lage war. Auch das Gewicht der Musterfigur, ihre Wärmeableitung in der Hand beim Fühlen und ihre Möglichkeit der Farbgebung erschienen ihm identisch mit den Eigenschaften des Knochens. Sollte er einmal eine vergleichbare Aufgabe zu lösen haben, erklärte er, würde er sich genau für die von mir angewandte Art der Herstellung entscheiden und dabei gerne auf meine Erfahrung zurückgreifen.

Er sprach weiter, aber ich hörte ihn nicht mehr. Mir wurde schlagartig bewusst, dass mich die Frage nach dem Figurenmaterial um die halbe Welt geführt, ich aber die Antwort die ganze Zeit in den Händen gehalten hatte. Mit dieser Offenbarung brach augenblicklich der ganze Sinn meiner Reisebemühungen zusammen. Alles Denken in mir schien wie weggewischt, und nur noch der eine Satz des Schachspielbauers klang in ständiger Wiederholung in meinen Ohren: - "Ich würde mich für Ihre Art der Herstellung entscheiden." - Allmählich dämmerte mir die ganze Ironie meines Reiseerfolges. Ich war also um die halbe Welt gereist, nur um erfahren zu müssen, dass ich nicht am Ende, sondern schon vor Antritt meiner Suche nach dem besten Werkstoff in dessen Besitz gewesen war. Wert und Nutzen meiner Irrfahrten lagen einzig und allein in dieser Erkenntnis. Ich schüttelte unwillkürlich mit dem Kopf und musste grimmig auflachen. Mir schien es wie die Lösung einer üblen Scherzaufgabe. Ich war an der Nase herumgeführt und zum Narren gehalten worden. Dem Erfinder dieses Witzes musste mit mir sein Meisterstück gelungen sein.

Mein argloser Gesprächspartner wusste nicht um die Bedeutung seiner Worte. Er hatte seine Ausführungen unterbrochen und versuchte irritiert in meiner Mimik zu lesen, wohl unschlüssig, ob er weitersprechen oder schweigen sollte.

 
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