Tschaturanga, auf den Spuren eines magischen Spiels

 

  Seite 6   Der letzte Versuch  
 

 

 

Frankfurt 1991

 
 

Der Ausstellungskatalog der Schachausstellung enthielt Hinweise auf Knochenschnitzer in Deutschland des 19. Jahrhunderts. Diese Information brachte mich auf die Idee, auf der Frankfurter Frühjahrsmesse nach Spuren des knochenverarbeitenden Handwerks zu suchen. Tatsächlich fand ich welche, mit im wahsten Sinne des Wortes weitreichenden Folgen.

 

 

 

 

 

Auf der Frankfurter Frühjahrsmesse entdeckte ich aus Knochen geschnitzte Schachfiguren. Sie entsprachen zwar dem konventionellen, am Turnierschach orientierten, gedrechselten Figurentyp, aber ihre Größe erreichte fast die Dimensionen meiner Musterfiguren. Diese Schachspiele wurden in Amritsar gefertigt, einer Stadt im Norden Indiens nahe der pakistanischen Grenze. Dort, in der heiligen Stadt der Sikhs, läge die größte, noch existierende Hochburg der Knochenschnitzerei, erklärte man mir. Es würden fast ausschließlich Kamelknochen verarbeitet.

 

Ich stand noch unter dem Eindruck meiner vorausgegangenen Reisen, bei denen das Ausmaß meines Erfolges im umgekehrten Verhältnis zu Aufwand, Mühsal und Enttäuschung stand. Mit skeptischer Zurückhaltung reagierte ich auf die Berichte über das El Dorado des Kunsthandwerks. Ich misstraute dem angeblichen Silberstreifen am Horizont und war nicht im Geringsten geneigt, ein weiteres Mal dem trügerischen Schein eines Irrlichts zu folgen. Doch ein letzter Funken Hoffnung in mir war noch nicht erloschen und hatte durch die neuen Informationen Nahrung erhalten. Je mehr ich nachdachte, um so ausdauernder argumentierte die Stimme der Zuversicht.

 

Möglicherweise verbarg sich hinter der Messebegegnung doch der durchschlagende Hinweis, ein Wink des Schicksals. Wenn ich schon so weit gegangen war, warum denn bei dem letzten, möglicherweise entscheidenden Schritt noch zögern? War es nicht Verheißung genug, dass diesmal der Weg ausgerechnet in den Teil der Welt führte, wo auch die Wiege des Schachspiels gestanden hat, auf dem Boden des Guptareiches, im heutigen Nordindien? Wie ich dort tatsächlich die Lösung meiner Aufgabe finden sollte und vor allem auf welche Art, das konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht im Mindesten erahnen.

 
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