Tschaturanga, auf den Spuren eines magischen Spiels

 

  Seite 5   Verlorene Hoffnung im Taifun  
 

 

 

Chiang Mai 1990

 
 

Einheimische hatten mir geraten, für das Gelingen meiner Mission auf dem Bergtempel von Chiang Mai Räucherstäbchen zu entzünden.

 

Nirgendwo habe ich so viele Schachspieler im Straßenbild gesehen wie in Thailand.

 

Unter einem Holzgebäude auf Stelzen werden neben anderen Schnitzereien auch Schachspiele hergestellt.

Aber die Schachfiguren,

die hier gedrechselt werden,

sind ausnahmslos aus Holz und entsprechen dem traditionellen thailändischen Figurentyp.

 

Diesmal schien meine Mission einfacher zu verlaufen als in Istanbul. Schon unter den ersten Straßenhändlern in Chiang Mai, der größten Stadt Nordthailands, fand ich auf Anhieb Halsketten aus Knochen. Meine Stimmung war ausgezeichnet, die Verkäufer, ein Ehepaar, außerordentlich freundlich, aber die Verständigung auf Englisch so gut wie ausgeschlossen. Warnungen vor den Fallstricken sprachlicher Barrieren hatte ich zwar im Reisegepäck, doch diese erwiesen sich durch die geschickte und engagierte Zusammenarbeit aller Beteiligten schnell als unbegründet.

 

Um sicherzugehen, keine Rinderknochen vor mir zu haben, deutete ich auf die Schnitzereien und äußerte fragend ein "Muuuh". Die Thais verstanden mich auch sofort und schüttelten verneinend den Kopf. Dieses Mal ein gutes Zeichen! Die Ausdrucksweise thailändischer Büffel hingegen war mir nicht gegenwärtig. Mit gebührendem Respekt fasste ich deshalb mit beiden Händen an meinen Kopf und formte zwei Hörner in der Luft. Diese Bewegung musste ich unter den aufmerksamen Augen einer ständig größer werdenden Zuschauergruppe öfter wiederholen. Hier schienen anfangs Unklarheiten vorzuliegen, wie mir die angeregte Diskussion aller Anwesenden zeigte. Doch mein "Muuuh" als Gegenprobe schaltete jeden Irrtum aus. Man hatte mich verstanden, und ich konnte eine heiße Spur verfolgen.

 


Später erfuhr ich zwangsläufig: mein fragendes "Muuuh" war das überraschend korrekt ausgesprochene thailändische Wort für Schwein. In der Figur des Gehörnten schwankte meine Pantomime anfangs zwischen der Gestalt einer Kuh und der eines Büffels. Schließlich aber erkannte man ein Rindvieh in mir, eine Sichtweise, die ich spontan übernahm, als man mir das Missverständnis erklärte.

 

nach oben

 

Meine thailändischen Gesprächspartner konnten meiner ersten Kontaktaufnahme humoristische Aspekte abringen. Die Kunde von meiner talentierten Aussprache verlieh mir unter den Familien der Kunsthandwerker eine regionale Popularität, und ich erfuhr dank freundlicher Hilfe einiges über das Wesen des Büffelknochens.

 

Die massige Gestalt des Tieres ließ sich nicht ohne weiteres auf seine Knochenstruktur übertragen. Die massiven Teile des Knochens reichten nicht aus, um daraus meine Schachfiguren herzustellen, erklärte man mir bedauernd und verwies auf das Kamel als möglichen Lieferanten des gesuchten Materials. Die choreographische Umsetzung des Trampeltiers blieb uns wenigstens erspart. Meinen thailändischen Wortschatz auf zoologischem Gebiet hatte ich mittlerweile mit einem Wörterbuch erweitert.

 

Wenig später in Chiang Mai, Mitte Oktober 1990, überstand ich, glücklicherweise nur leicht verletzt, einen Rikscha-Unfall. Am späten Abend desselben Tages streiften die Ausläufer eines Taifuns den Norden Thailands und überfluteten seine zweitgrößte Stadt mit enormen Wassermassen. Ein kleines Restaurant bot mir im Nachtbazar als letzter trockener Ort Zuflucht, teilte aber mit seiner Umgebung das Schicksal eines Stromausfalls. Bei Kerzenschein, umgeben von einer Atmosphäre des Weltuntergangs und noch unter Schock der Karambolage, resümierte ich die Ergebnisse meines Thailandaufenthalts. Ein Gefühl tiefer Enttäuschung folgte meinen Überlegungen und schien aus der ungestümen Naturgewalt nur noch Kraft und Bestätigung zu erfahren.

 

Der Fußweg zu meiner Unterkunft, der Verkehr auf den Straßen war längst zum Erliegen gekommen, führte mich durch knietiefes Wasser, und ich stieg durch kleine Wasserfälle, die sich über Treppen ergossen. In diesem Augenblick, als allein das unruhige Licht einer Unzahl von Blitzen meinen Weg beleuchtete, zweifelte ich an der Verhältnismäßigkeit und dem Sinn meiner Bemühungen. Ich glaubte, bei meiner Schachidee dem Trugbild einer Fata Morgana zu erliegen, das sich in nichts auflöste, sobald ich glaubte, es erreicht zu haben.

 
    nach oben