Tschaturanga, auf den Spuren eines magischen Spiels

 

  Seite 3   Die Suche beginnt in Istanbul  
 

 

 

Istanbul 1989

 
 

Kreuz und quer ging es durch Istanbul, mit Taxi, Bus und Fähre.

 

Hier ein Teil meiner alten Musterfiguren, die in Istanbul zu meinen ständigen Begleitern wurden.

 

Ein türkisches Fläschchen von ca. 10 cm Höhe und aus Knochen gearbeitet.

 

Dasselbe Fläschchen mit entferntem Boden. Der Hohlraum wurde nicht durch Entfernen von Knochenmaterial erzeugt, sondern er entspricht dem natürlichen Wuchs des Röhrenknochens.

 

Meine Musterfiguren in der Hand, suchte ich in Istanbul eine Produktionsstätte nach der anderen auf. Die Adressenliste in Form eines Computerausdrucks war zwar neu, doch lagen ihr offensichtlich Registereintragungen früherer Tage zugrunde. Viele der angegebenen Betriebe waren inzwischen geschlossen, verzogen oder hatten ihre Produktion eingestellt. Zwar erwies sich die Liste als idealer Reiseführer, um versteckte Winkel der Stadt kennenzulernen, die selbst vielen Einheimischen unbekannt sein dürften, doch es dauerte einige Tage, bis mir endlich der erste Knochenschnitzer leibhaftig gegenüber saß. Beim Anblick meiner Spielsteine schüttelte er nur den Kopf. Figuren dieser Größe ließen sich aus Knochen nicht herstellen, stellte er bedauernd fest. Zu meiner Enttäuschung reagierten auch andere Kunsthandwerker, bei aller Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, mit derselben Kopfbewegung.

 

Die Reaktionen der Knochenschnitzer irritierten mich. Schwierigkeiten unterschiedlichster Art hatte ich einkalkuliert, doch mit diesem grundsätzlichen Problem hatte ich nicht gerechnet. Da meine Gesprächspartner offensichtlich größere Knochen als Werkstoff nicht kannten, musste ich mich selber auf die Suche nach dem benötigten Material begeben.

 

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Einen Tag später saß ich im Wartezimmer eines Tierarztes. Zwischen anderen Hilfesuchenden, mit Papagei und Katze, hielt ich in den Händen eine Schachfigur, die nicht einmal das Pferdchen darstellte. Der Eindruck, den ich zu vermitteln schien, verkürzte meine Wartezeit erheblich. Ich konnte sofort mit dem Arzt und seiner Mitarbeiterin sprechen. Das Rätsel um mein wunderliches Erscheinen war schnell gelöst, und ich fragte nach den für meinen Zweck entsprechend großen Knochen. Doch das Nachschlagen in etlichen Fachbüchern führte zu keinem eindeutigen Ergebnis, und ich erhielt die Adresse des veterinärmedizinischen Instituts für die gesamte Türkei etwas außerhalb von Istanbul. Der freundliche Vizedekan dieser Einrichtung bot mir auch sofort seine Hilfe an. Er beriet sich mit einigen Tiermedizinern, fand jedoch keine endgültige Antwort auf meine Frage. Stattdessen verwies er mich an einen Ort, an dem man sich intensiv mit altem Kunsthandwerk osmanischer Tradition beschäftigt.

 

Direkt an den Bosporus, mit einem beeindruckenden Ausblick auf den europäischen und asiatischen Teil Istanbuls, schmiegt sich die Akademie der schönen Künste, die schönstgelegene Lehranstalt für Kunst, die ich kenne. Hier endete in der Türkei meine Suche nach den Knochenschnitzern für meine Schachfiguren. Ich erfuhr, dass in Istanbul ausschließlich Rinderknochen zu schmalen Kämmen, Perlen und Zigarettenspitzen verarbeitet werden. Diese Gegenstände überschreiten in Ihrer Größe nicht die Stärke der Wandung des hohlröhrigen Rinderknochens. Es können somit nur flache Teile oder solche mit geringem Durchmesser hergestellt werden. Größere Objekte aus dem vollen Knochen erscheinen zwangsläufig hohl und werden beispielsweise für die Herstellungen von Fläschchen gebraucht. Es bestünde möglicherweise die Hoffnung, massive Schachfiguren aus Büffel- oder Kamelknochen herzustellen, teilte man mir mit. Diese würden aber in der Türkei nicht verwendet.

 
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