Tschaturanga, auf den Spuren eines magischen Spiels

 

  Seite 2   Die erste Begegnung im Museum  
 

 

 

Nürnberg 1988

 
 

Im Rahmen einer Sonderausstellung waren damals die Figuren des Adelsdorfer Fundes neu arrangiert worden.

 

Nach meinen Aufzeichnungen habe ich diese Figurenaufstellungen rekonstruiert.

 

Die aus Knochen geschnitzten Schachfigurenn begegneten in der Vitrine den Spielsteinen des Bauhaustypus.

 

Zu der Sonderausstellung war ein Katalog erschienen.

 

1988 hatte ich im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg meine erste Begegnung mit den Schachfiguren, die ich zufällig im Buch der Kunsthistoriker Hans und Siegfried Wichmann entdeckt hatte. Dort hinter Glas standen sie also, die von mir so sehr bewunderten Spielsteine. Doch zu meiner Überraschung wirkten sie eher unscheinbar. Diese dreizehn Figuren auf dem Vitrinenboden erinnerten mich an verstreute Knochen eines unvollständigen Skeletts, und ihre Versuche, plastische Bezüge untereinander aufzunehmen, schienen orientierungslos ins Leere zu greifen. Vereinsamt standen vor mir die Überlebenden einer Figurenfamilie. Ich sah nur noch die Beweisstücke für die Existenz eines längst ausgestorbenen Schachspiels. Die gestalterische Gesamtaussage der letzten Augenzeugen indischen Ur-Schachs war verstummt.

 

 

Ich kannte diese Figuren aber anders, als Teile eines vollständigen, lebenden Schachspiels, beseelt vom Zauber einer 1000 Jahre zurückliegenden Schachepoche.

 

 

Ein Jahr zuvor hatte ich in dem Schachbuch jeden Figurentyp einzeln abgebildet kennen gelernt. Unwillkürlich rekonstruierte ich in Gedanken den gesamten Figurensatz, und vor meinem Auge erschienen die Umrisse des vollständigen Kunstwerks. Ich erlebte die Faszination seiner Gestaltung und erfühlte in der Form seiner Figuren die letzte Kunde von den verschollenen Ursprüngen des Schachspiels. Das Bild meiner Fantasie sollte eine reale Gestalt erhalten. Ich wollte einen vollständigen Figurensatz rekonstruieren.

 

 

Im Bereich der Dentaltechnik weckte eine bestimmte Substanz mein Interesse. Dieses Mineral wandelt sich nach Zugebe von Wasser allmählich zu einem Werkstoff von steinähnlicher Konsistenz. Daraus fertigte ich mit Hilfe von Abbildungen einen vervollständigten Figurensatz, verlieh den Spielsteinen die für Knochen charakteristische Struktur und unterteilte sie in zwei unterschiedlich gefärbte Parteien. Diesen Entwurf für eine Rekonstruktion stellte ich auf eine provisorisch entworfene Spielfläche. Und da stand vor mir das schönste Schachspiel, das ich je gesehen hatte. Um die Arbeit an diesem wundervollen Spiel zu vollenden, wollte ich keine Mühen scheuen. Die Schachfiguren sollten, wie im Original, aus Knochen bestehen.

 

 

Anders als in Deutschland ist das Handwerk der Knochenschnitzerei in der Türkei noch häufig anzutreffen. Die Handelskammer in Ankara sandte mir auf Anfrage auch umgehend eine Liste mit Dutzenden diesbezüglicher Adressen.

 
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