Schach, Ursprung und Metamorphose      

 

 

Kapitel 5

 

Das arabische Schachspiel

 
 

Teile des Figurenfundes bei Adelsdorf.
8. Jahrhundert

Figurenfund aus Unterfranken,
12. Jahrhundert

 

 

 

Bildrechte beantragt

Schachfiguren aus Bergkristall,
10. - 12. Jahrhundert

 

 

Eine neue Kunst

600 n. Chr. wurde auf der arabischen Halbinsel eine Weltreligion geboren. Nur 70 Jahre später wehte die grüne Fahne des Propheten vom Indus bis zum Atlantik, prägte der Islam das politische und kulturelle Gesicht des größten Teils der damals bekannten Welt. Es formte sich ein Morgenland, an das die Märchen von Tausendundeinernacht erinnern und ohne dessen geistigen Einfluss die spätere Entwicklung des Abendlandes nicht denkbar wäre.

 

So beispiellos ihr Siegeszug in der Geschichte war, so revolutionierend wirkte die neue Religion auf die traditionelle Kunst. In dem jungen Weltreich entwickelte sich ein gänzlich neuer Kunstbegriff. Ein Bereich jedoch war durch eine Koranauslegung mit einem Tabu belegt, nämlich die gegenständliche Darstellung von Menschen und Tieren. Aber genau diese erschien in der Figurenwelt des persischen und indischen Schachs.

 

Als die Araber durch die Eroberung Persiens das Schachspiel kennenlernten, konnten seine Figuren nicht übernommen werden. Es ist der frühen islamischen Kunst zu verdanken, dass bei der Umformung zur arabischen Schachfigur keine Verlegenheitslösung von geringer künstlerischer Qualität entstand. Aus der Not wurde nicht nur eine Tugend, sondern etwas in der Schachgeschichte Einzigartiges.

 

In der abstrakten Kleinplastik fanden die arabischen Schachfiguren ihre mit den Regeln des Islams harmonierende Form. Vom rein indischen Kulturverständnis gelöst, erhielt die Schachfigur in der arabischen Abstraktion eine zeitlose und universelle Formensprache. Trotz des tiefgreifenden Wandels lebt in ihr aber weiterhin die Grundform indischer Schachfiguren.

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Darstellung eines indischen Herrschers auf einem Elefanten

Skizzierte Beschreibung der Umformung

Der abstrakte arabische König

 

 

Die Metamorphose

 

Figuren wie die persische Königsdarstellung bildeten den Ausgangspunkt für die arabische Ableitung der Schachfigur. In der Gegenüberstellung vom arabischen König und der Form seines indischen Vorläufers wird die Systematik der Umformung sichtbar.

 

 

 

 

Die Einbuchtungen im Elefantenkörper und die ausladenden Reliefteile werden gegeneinander in eine Ebene geführt. Die ursprüngliche Gliederung in Sockel, Elefant und Thronsitz verschmilzt zu einer Einheit. Es entsteht die glatte Oberfläche einer an einem Zylinder orientierten Form. Deutlich ist noch der ehemalige Elefantenkopf als halbrunder Vorsprung vor dem oben angeschnittenen Zylinder zu erkennen.

 

 

 

Der König, der dem Spielstein seinen Namen gibt, erscheint in der abstrakten Figur nur noch als halbkegelförmige Erhebung auf der Kante des Zylinderabschnittes. So wie beim König muss sich auch bei den übrigen Spielsteinen die Wandlung zur Abstraktion vollzogen haben.

 

 

 

 

Figuren mit indischer Form, die die Umwandlung demonstrieren könnten, haben sich nicht erhalten. Die frühen arabischen Spielsteine des Schachs bewegen sich an der Grenze zum historisch greifbaren Fundstück.

 

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erhöhte Perspektive

 

Die Bedeutung der arabischen Figuren

 

König

Raja, übersetzt König, nannten die Inder die Königsfigur. Die Perser verliehen diesem Spielstein ihren landeseigenen Herrschertitel "Schah". Von vielen Nationen, die später das Schachspiel übernehmen sollten, wurde das persische Wort "Schah", klanglich abgewandelt, als Bezeichnung für das gesamte Spiel verwandt.
Der eigentliche und ursprünglich indische Name des Schachspiels lautet Tschaturanga. Er wandelte sich auf persischen Boden zu Tschatrandsch. Diese Spielbezeichnung wurde von den Arabern unverändert übernommen und ist heute auch in der Türkei gebräuchlich.

 
 

 

erhhöhte Perspektive

 

Berater

Die Figur des Beraters erscheint in derselben Form wie die des Königs. Der Berater ist lediglich durch seine geringere Größe vom König zu unterscheiden. Die identische Form beider Figuren liefert auch einen Hinweis auf eine ähnliche Gestaltung ihrer indischen Vorbilder.

 

 
 

 

erhöhte Perspektive

 

Elefant

Die Form des abstrakten Ur-Läufers verrät nichts von seinem indischen Vorbild. Nur seine arabische Bezeichnung Al Fil, der Elefant, verweist auf die Vorlage für seine Gestaltung. Die zwei Wölbungen auf der zylindrischen Grundform des Spielsteins mögen noch die Stoßzähne des Tieres andeuten.


 
 

 

 

erhöhte Perspektive

 

Pferd

Bei dem Ur-Springer deutet ein dreieckiger Vorsprung auf dem kegelförmigen Körper einen Pferdekopf an und erinnert so an das ursprüngliche Figurenmotiv.

 

 
 

 

 

 

erhöhte Perspektive

 

 

 

Wagen

Hinter der Figur mit dem zinnenartigen Profil verbirgt sich der Wagen. Seine alte Bezeichnung Rukh reicht weit zurück in die Geschichte des Schachs. Die Bedeutung dieses Wortes ist unklar und wurde von den Arabern unübersetzt übernommen. In Europa wurde Rukh zu Roch abgewandelt, ein Name, der heute noch in dem Begriff "Rochade" weiterlebt.
Doch nicht nur als Wagen erschien der heutige Turm im frühen Schach. Er bewegte sich auch unter der Bezeichnung Boot auf den alten Spielflächen. So verschieden Wagen und Boot auch erscheinen mögen, so sind es doch beides künstliche Hilfsmittel zur Fortbewegung. Auch verbindet man sowohl mit einem Boot als auch mit einem Wagen meist eine gradlinig verlaufende Bewegungsrichtung. Bei allen anderen Figurentypen ist diese Vorstellung nicht in demselben Maße ausgeprägt.

 
 

erhöhte Perspektive

 

Fußsoldat

Ein schlichter, oben abgerundeter Zylinder beschreibt den indischen Fußsoldaten, den späteren Bauern.

 

 
 

 

 

 

Die hier dargestellten Figuren stehen stellvertretend für den Figurentypus früher arabischer Prägung. Sie repräsentieren in einzigartiger Weise eine exemplarisch reine abstrakte Form. Die Spielsteine in den Abbildungen wurden nach dem fragmentarisch überlieferten Figurensatzes aus dem Fund bei Adelsdorf nachgearbeitet (s.o.). Der bei diesen Spielsteinen fehlende Bauer wurde dem Figurenfund aus Unterfranken zur Vorlage für eine Nachbidung entnommen (s.o.).

Höhe des Königs: 4cm, Höhe des Bauern: 2,75 cm

 

 
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